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Beziehungsweisen

Man kann nicht über Beziehungen schreiben, ohne persönlich zu werden. Das ist klar. Viel wichtiger ist es mir, nicht theoretisch zu werden, denn dafür gibt es Fachleute. Und auch nicht moralisch, dafür haben wir die Nachbarschaft. Oder gar urteilend – das können wir alle ganz gut. Ich möchte nur einfach ein paar Paargedanken teilen und vielleicht auch zum Nach- und Mitdenken anregen. Schließlich sind so viele von uns persönlich betroffen. 

 

Der Grund für diese Gedanken? Eine alltägliche Küchenszene. 

 

Um davon zu erzählen, komme ich nicht umhin, das Setting kurz zu beschreiben. Es ist ein ganz gewöhnlicher Morgen im derzeitigen Homeoffice-Alltag. Mein Mann und ich haben beide gerade ein Pause und treffen uns vor der Kaffeemaschine. Jeder mit seiner Lieblingstasse. Als die  Tassen nebeneinander die Aufwärmphase der Maschine abwarten, müssen wir beide plötzlich  gleichzeitig schmunzeln. Es ist ein konspiratives und so verbindendes Schmunzeln, denn wir sehen, dass das, was sich da gerade vor unseren Augen offenbart, die perfekte Beschreibung unserer Beziehung skizziert. 

 

Auf der linken Tasse die italienische Flagge mit der typischen Bialetti-Figur, auf der rechten das Emblem des Karlsruher SC – meine Heimat. 

 

Nun braucht es kein symbolgeschultes Auge, um zu erkennen, was auch für uns völlig offensichtlich ist: Das sind wir. Sicherlich noch viel mehr, aber ganz bestimmt auch nicht weniger. Zwei Tassen, zwei Symbole. Zwei Menschen, zwei Leidenschaften. 

 

Erste Assoziation: Gegensätze ziehen sich an. Klar. Aber das stimmt so eben nicht. Es handelt sich hier keinesfalls um Gegensätze. Immerhin schließt das eine das andere nicht aus. Wobei ich ehrlicherweise schon zugeben muss, dass mein Mann mir öfter nach Italien gefolgt ist, als ich ihm ins heimische Fußballstadion, quasi vor der Haustür.  Aber geht es darum, aufzurechnen?

 

Und genau bei diesem Gedanken bin ich ins Nachdenken gekommen. Sind wir wirklich so verschieden? Gar gegensätzlich? Und wieviel von all dem verträgt so eine LangzeitBeziehung im Allgemeinen? Gibt es da brauchbare Maßstäbe? Verlässliche Regeln? Erprobte Musterbeispiele? Anwendungsempfehlungen von Experten?

 

Falls ja, wie alltagstauglich wäre das im ganz Speziellen? Ich habe Zweifel. Also nehme ich wieder Abstand vom Allgemeinen und betrachte, was ich beurteilen kann. Meine ganz private Feldstudie sozusagen, aus über 25 Jahren "try & error" Beziehungsexperiment.

 

Wir haben viel probiert. Das meiste hat erstaunlich gut bis fantastisch funktioniert. Hier und da sind wir auch kläglich gescheitert. Immer wieder. Und ich behaupte, dass gerade diese Scheitererlebnisse die eigentlichen Scheitelpunkte unserer Beziehung waren. Der BeziehungsTÜV, allerdings ohne Garantie, dass bei Bestehen in den nächsten Jahren alles reibungslos läuft. Nichts ist auf Dauer einfach gut, ohne dass man etwas dafür tut – auch in Beziehungen nicht. Keiner gibt dir eine Geling-Garantie – zumindest keine in Stein gemeißelte, an Brückengeländer gekettete und noch nicht mal kunstvoll in eine Baumrinde geschnitzte. 

 

Und je länger sie läuft, diese Beziehung, desto weniger Experten kann man zu Rate ziehen, wenn es um das in die Jahre gekommene, sorry, gereifte aber deshalb umso wertvollere BeziehungsModell geht. 

 

So weit, so gut und auch nicht neu. Also: Zurück in die Küche, an die Tassen, ins echte BeziehungsLeben. 

 

Wie viele Gemeinsamkeiten braucht denn nun eine „gute“ Beziehung?

Nach all den Jahren gelebtes und geliebtes Experimentieren glaube ich, dass sie vor allem eines braucht: ein äußerst stabiles und wie ich finde, breites Fundament, auf dem alle Unterschiedlichkeiten und Ungewöhnlichkeiten genug Platz für freie Entfaltung finden, ohne sich dabei in die Quere zu kommen. Es sollte allerdings auch nicht zu weitläufig sein, um die Gefahr, sich zu verlaufen oder gar die Anziehung außer Kraft zu setzen, in Grenzen zu halten. 

 

Ein Fundament, das vor allem stark genug ist, um immer größeres Vertrauen darauf aufbauen zu können, ohne dass dieses ins Wanken gerät. Das auch bei stärkeren Erschütterungen nicht an Stabilität verliert und dessen darauf errichtete Mauern auch einmal verändert ,neu angeordnet oder eingerissen werden können, ohne dass es beziehungsbedrohende Risse bekommt.  

 

Was die Gemeinsamkeiten anbelangt, scheinen wir auf den ersten Blick vielleicht tatsächlich mehr mit unseren Unterschiedlichkeiten zu glänzen. Schaut man aber genauer oder aus einer anderen Perspektive darauf, dann sieht man, dass uns beide die gleiche Offenheit und Neugier für die unterschiedlichen Interessen und Leidenschaften des anderen auszeichnen. Dabei interessiert uns meist weniger, was der andere erlebt hat, sondern vielmehr WIE!

 

Wir freuen uns füreinander und aufeinander, wenn der eine beseelt von einem Konzert und der andere vielleicht etwas durchgefroren aber emotional völlig erhitzt vom „wichtigsten Spiel der Saison“ nach Haus zurückkehrt. Die Freude und das Strahlen in den Augen sind exakt identisch. Kennt man diese Gefühle für sich, kann man sie auch gemeinsam mit dem Partner erleben. Potenzierte Gemeinsamkeit bei aller Unterschiedlichkeit. Sie verbindet, ohne anzubinden. Sie erweitert den Horizont und lässt Spielraum für Weiterentwicklung, weil sie den anderen nicht einschränkt. Und sie ist vielleicht auch unser Geheimnis, warum wir uns in unserer unterschiedlichen Zweisamkeit niemals einsam fühlen.  

 

Dann sind es vielleicht gar nicht die Gegensätze, die einander anziehen, sondern eher die Unterschiedlichkeiten, die man gemeinsam lebt und aneinander liebt? 

 

Wie dem auch sei und im Individuellen sicherlich auch immer wieder verschieden: Ich freue mich jedes Mal, wenn ich diese beiden Tassen aus unserem gemeinsamen Schrank hole. Weil sie so unterschiedlich sind – und doch haben sie die gleiche Form und auch der Inhalt ist meistens ziemlich stark.